Zitat⚠️ Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung.
Letzte Prüfung: 01.11.2026
1 Kurzüberblick
Angst ist ein natürliches Schutzgefühl. Zur Erkrankung wird sie, wenn sie unverhältnismäßig stark ist, sehr lange anhält oder dazu führt, dass Betroffene bestimmte Orte und Situationen meiden und ihr Leben dadurch eingeschränkt wird.
Zu den Angststörungen zählen vor allem:
- Panikstörung: plötzliche, heftige Angstanfälle (Panikattacken)
- Agoraphobie: Angst vor Situationen, aus denen eine Flucht schwierig scheint, z. B. Menschenmengen, Busse, weite Plätze
- Soziale Angststörung: Angst vor Bewertung und Blamage in Gesellschaft
- Spezifische Phobien: übermäßige Angst vor bestimmten Dingen, z. B. Tieren, Höhe oder Spritzen
- Generalisierte Angststörung: dauerhafte, schwer kontrollierbare Sorgen über viele Alltagsthemen
Angststörungen sind gut behandelbar. Sie haben nichts mit Schwäche oder mangelndem Willen zu tun.
2 Symptome
Angst äußert sich auf drei Ebenen:
- Körper: Herzrasen, Atemnot, Engegefühl in der Brust, Schwitzen, Zittern, Schwindel, Übelkeit, Taubheits- oder Kribbelgefühle
- Gedanken: Angst, die Kontrolle zu verlieren, verrückt zu werden oder zu sterben; ständiges Grübeln und Katastrophengedanken
- Verhalten: Vermeiden und Fluchtverhalten, Absichern, Rückversicherung bei anderen
Bei einer Panikattacke erreicht die Angst innerhalb weniger Minuten ihren Höhepunkt und klingt meist nach einiger Zeit von selbst wieder ab. Viele Betroffene fürchten danach die nächste Attacke (Erwartungsangst) und meiden Orte, an denen sie aufgetreten ist.
Bei der generalisierten Angststörung bestehen die Sorgen an den meisten Tagen über mehrere Monate, begleitet von Anspannung, Unruhe, Schlafstörungen und Konzentrationsproblemen.
3 Ursachen und Risikofaktoren
Angststörungen entstehen meist durch ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren:
- Veranlagung und Temperament: erbliche Einflüsse, eine besonders ängstlich-gehemmte Grundhaltung
- Lernerfahrungen: Angst wird durch Erlebtes oder Beobachtetes gelernt; Vermeiden bringt kurzfristig Erleichterung und hält die Angst langfristig aufrecht
- Belastungen: Dauerstress, Verluste, Überforderung, belastende Erfahrungen
- Körperliche Faktoren: z. B. Schilddrüsenüberfunktion, viel Koffein, Alkohol, Drogen, manche Medikamente
Typisch ist ein Teufelskreis: Körperliche Signale werden als gefährlich gedeutet, das verstärkt die Angst, und das verstärkt wiederum die Körpersymptome.
4 Diagnostik
Ansprechpersonen sind die Hausarztpraxis, Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie oder Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Die Diagnose stützt sich auf:
- ein ausführliches Gespräch zu Beschwerden, Auslösern und Vermeidungsverhalten
- Fragebögen als Hilfsmittel (z. B. der GAD-7)
- eine körperliche Untersuchung (z. B. Herz, Schilddrüse), um körperliche Ursachen auszuschließen
- die Abgrenzung zu anderen Erkrankungen wie Depression, Zwangsstörung oder Substanzwirkung
Wichtig: Panikattacken mit Brustschmerz oder Atemnot sollten einmalig körperlich abgeklärt werden. Bei neuen oder anderen Beschwerden gilt im Zweifel der Notruf.
5 Behandlung
Die Behandlung der ersten Wahl ist Psychotherapie, vor allem kognitive Verhaltenstherapie. Kern ist die Konfrontation (Exposition): Betroffene stellen sich unter Anleitung schrittweise den gefürchteten Situationen und erleben, dass die Angst von selbst abnimmt und das Befürchtete nicht eintritt.
- Psychotherapie: Wirksamkeit gut belegt, auch ambulant gut durchführbar
- Medikamente: Bestimmte Antidepressiva können ergänzend oder alternativ eingesetzt werden. Sie wirken meist erst nach mehreren Wochen und werden ärztlich begleitet.
- Beruhigungsmittel (Benzodiazepine): Wegen des Abhängigkeitsrisikos werden sie in der Regel nicht für die Dauerbehandlung empfohlen.
- Selbsthilfe: Aufklärung über Angst, Entspannungs- und Atemübungen, Bewegung, Selbsthilfegruppen
Vermeiden fühlt sich entlastend an, verstärkt die Angst aber auf Dauer. Mehr dazu in den Lexikon-Kategorien „Antidepressiva“ und „Psychotherapieverfahren“.
6 Verlauf und Prognose
Unbehandelt verlaufen Angststörungen häufig chronisch und können sich ausweiten. Mit passender Behandlung, vor allem Verhaltenstherapie, bessern sich die Beschwerden bei den meisten Betroffenen deutlich. Rückfälle in belastenden Zeiten sind möglich, die erlernten Strategien helfen dann beim Gegensteuern.
7 Tipps für Angehörige
- Ruhig und verständnisvoll bleiben. Angst lässt sich nicht „wegreden“.
- Nicht dauerhaft Situationen abnehmen oder für den Betroffenen übernehmen. Zu viel Schonung verstärkt das Vermeiden.
- Kleine Fortschritte anerkennen, aber nicht drängen oder zwingen.
- Bei einer Panikattacke: ruhig dableiben, langsames Atmen vorschlagen und daran erinnern, dass die Attacke vorübergeht.
- Auf eigene Grenzen achten und sich bei Bedarf selbst beraten lassen.
8 Hilfe im Notfall
- Akute Gefahr oder Notfall: Notruf 112
- Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 (kostenlos, rund um die Uhr)
- Ärztlicher Bereitschaftsdienst: 116 117
9 Quellen
- S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen (AWMF-Register Nr. 051-028)
- Internationale Klassifikation der Krankheiten (ICD), Weltgesundheitsorganisation
- Patientenleitlinie zur S3-Leitlinie Angststörungen