Zitat⚠️ Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung.
Letzte Prüfung: 01.11.2026
Hinweis: Dieser Artikel spricht belastende Erlebnisse wie Gewalt und Missbrauch allgemein an. Beschreibungen konkreter Taten enthält er nicht. Lies nur so viel, wie dir gerade guttut.
1 Kurzüberblick
Ein Trauma ist ein Ereignis, das mit Todesgefahr, schwerer Verletzung oder sexueller Gewalt verbunden ist oder die eigene Bewältigungsfähigkeit übersteigt, etwa Gewalt, Unfälle, Krieg, Flucht oder Missbrauch. Nicht jeder Mensch entwickelt danach eine Erkrankung. Bei einem Teil der Betroffenen bleiben aber Beschwerden bestehen.
Wichtige Formen sind:
- Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS): nach einem einmaligen oder mehreren Ereignissen
- Komplexe PTBS (kPTBS): nach lang andauernden oder wiederholten Traumatisierungen, z. B. in Kindheit oder Gefangenschaft
- Dissoziative Störungen: Teile von Erleben, Erinnerung oder Identität sind vom Bewusstsein abgespalten
Traumafolgestörungen sind eine nachvollziehbare Reaktion auf Überwältigendes und keine Schwäche.
2 Symptome
PTBS zeigt sich vor allem durch drei Gruppen von Beschwerden:
- Wiedererleben: aufdrängende Erinnerungen, Albträume, Flashbacks, bei denen man sich wie mitten im Geschehen fühlt
- Vermeidung: Orte, Menschen, Gespräche oder Gedanken, die an das Erlebte erinnern, werden gemieden
- ständige Anspannung: Schreckhaftigkeit, Reizbarkeit, Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme, das Gefühl, ständig in Gefahr zu sein
Bei der komplexen PTBS kommen Probleme mit der Gefühlsregulation, ein dauerhaft negatives Selbstbild (Scham, Schuld, Wertlosigkeit) und Schwierigkeiten in Beziehungen hinzu.
Dissoziation kann sich zeigen als Gefühl der Unwirklichkeit, Entfremdung vom eigenen Körper, Erinnerungslücken oder „Abschalten“ in belastenden Momenten. Häufig bestehen zusätzlich Depression, Angst, Suchtprobleme oder körperliche Beschwerden.
3 Ursachen und Risikofaktoren
Auslöser ist das traumatische Erleben. Ob und wie stark eine Folgestörung entsteht, hängt zusammen mit:
- Art, Schwere und Dauer des Traumas (von Menschen verursachte Gewalt, besonders in der Kindheit, wirkt oft stärker)
- früheren Belastungen und Vorerkrankungen
- fehlender Unterstützung nach dem Ereignis
- individuellen Faktoren wie Veranlagung und Stressempfindlichkeit
Niemand ist am Entstehen schuld. Die Symptome sind der Versuch des Gehirns, mit Überwältigendem umzugehen.
4 Diagnostik
Die Diagnose stellen Psychiaterinnen, Psychiater oder speziell weitergebildete Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Das Gespräch ist traumasensibel: Betroffene müssen das Erlebte nicht im Detail schildern. Ergänzend werden Fragebögen (z. B. PCL-5, ITQ) eingesetzt, und es wird geprüft, ob weitere Erkrankungen wie Depression, Sucht oder Angst vorliegen.
5 Behandlung
Am besten belegt ist traumafokussierte Psychotherapie:
- traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie
- EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing)
- Narrative Expositionstherapie, besonders bei mehreren Traumata
Bei komplexer PTBS beginnt die Behandlung oft mit einer Stabilisierungsphase (Fertigkeiten zum Umgang mit Anspannung und Gefühlen), bevor die Verarbeitung folgt. Auch Gruppenangebote und Behandlungen in spezialisierten Kliniken sind möglich.
Medikamente sind nicht die Behandlung der ersten Wahl, können aber begleitende Beschwerden wie Depression oder Schlafprobleme lindern. Beruhigungsmittel werden wegen des Abhängigkeitsrisikos nicht empfohlen. Mehr dazu in den Lexikon-Kategorien „Psychotherapieverfahren“ und „Spezielle Methoden“.
6 Verlauf und Prognose
Mit traumafokussierter Behandlung bessern sich die Beschwerden bei vielen Menschen deutlich oder klingen ganz ab. Ohne Behandlung können sie sich über Jahre halten. Auch lange nach dem Ereignis ist Behandlung noch sinnvoll. Eine sichere Lebenssituation ist eine wichtige Voraussetzung.
7 Tipps für Angehörige
- Zuhören, ohne nach Einzelheiten zu bohren. Betroffene entscheiden selbst, wie viel sie erzählen.
- Sicherheit und Verlässlichkeit geben, Überraschungen und Druck vermeiden.
- Bei Flashbacks ruhig bleiben, in der Gegenwart verankern (Name, Ort, Datum nennen, nach Dingen im Raum fragen).
- Auf professionelle Hilfe hinweisen, aber nicht erzwingen.
- Eigene Belastung ernst nehmen. Zuhören kann auch Angehörige belasten.
8 Hilfe im Notfall
- Akute Gefahr oder Notfall: Notruf 112
- Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 116 016 (kostenlos, rund um die Uhr)
- Hilfetelefon Sexueller Missbrauch: 0800 22 55 530 (kostenlos)
- Opfer-Telefon des WEISSEN RINGS: 116 006 (kostenlos)
- Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 (kostenlos, rund um die Uhr)
- Ärztlicher Bereitschaftsdienst: 116 117
9 Quellen
- S3-Leitlinie Posttraumatische Belastungsstörung (AWMF-Register Nr. 155-001)
- Internationale Klassifikation der Krankheiten (ICD), Weltgesundheitsorganisation
- Deutschsprachige Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT)